, Probst Beat

Die Rede zur Bundesfeier

Farah Rumy war dieses Jahr Gastrednerin in Lostorf. Hier finden Sie ihre Rede. Die Lektüre lohnt sich!

Sehr geehrter Herr Gemeindepräsident

Werte Gemeinderätinnen und Gemeinderäte

Liebe Lostorferinnen und Lostorfer, liebe Gäste

Vor ein paar Wochen sass ich in Den Haag an einer Sitzung der Parlamentarischen Versammlung der OSZE, der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa. Dort treffen sich Parlamentarierinnen und Parlamentarier aus 57 Staaten, um über Sicherheit, Menschenrechte und Zusammenarbeit in Europa zu verhandeln, auch wenn ihre Länder gerade im Konflikt zueinanderstehen.

Hinter mir eine amerikanische Kollegin, aufgeschlossen und ehrlich interessiert an der Schweiz. Sie fragte mich, wie wir dieses Jahr unseren ‘’Independence Day’’ feiern.

Ich habe kurz gebraucht, um zu verstehen, dass sie den 1. August meinte.

Ich musste sie korrigieren. Wir feiern keine Unabhängigkeit. Was wir feiern, ist ein Vertrag. Drei Talschaften, die sich 1291 gegenseitig versprachen, einander in schwierigen Zeiten beizustehen.

Ich habe das grosse Glück, jeden Tag, wenn ich zur Arbeit gehe, durch die Kuppelhalle des Bundeshauses zu gehen. Dort stehen sie, in hellem Stein gehauen, seit über hundert Jahren: Werner Stauffacher, Walter Fürst und Arnold von Melchtal, die drei Eidgenossen, wie sie gemeinsam die Hand auf den Bundesbrief legen. Jeden Morgen grüssen sie mich, bevor ich den Ratssaal betrete.

Historisch belegt ist dieser Schwur nicht. Der Rütlischwur ist, genau wie Wilhelm Tell, ein Nationalmythos, eine Geschichte, die man sich über Generationen erzählt hat, lange bevor sie jemand aufgeschrieben hat. Man könnte also sagen: alles nur eine Legende, kein Beweis, keine Urkunde, die einer historischen Prüfung standhält.

Ich sehe es anders. Wir sind nicht stolz auf ein Ereignis, das wir nie beweisen können. Wir sind stolz auf das, was wir aus dieser Geschichte gemacht haben. Aus einer unbewiesenen Legende ist eine sehr reale Verpflichtung geworden, gegenseitig füreinander einzustehen, auch wenn es unbequem wird. Deshalb steht diese Statue im Herzen unserer Demokratie, dort, wo jeden Tag Gesetze gemacht werden. Ein Mythos, der zur Institution geworden ist. Das, glaube ich, ist es, was uns eigentlich ausmacht.

Freiheit ist bei uns kein Zustand, den man einmal erkämpft und dann besitzt. Freiheit ist eine Vereinbarung, die man laufend erneuert. Mit den Nachbarn im Dorf, mit den Kantonen, mit den Sprachregionen…. die einander manchmal fremder sind, als man zugeben möchte.

Das ist auch meine eigene Erfahrung mit diesem Land. Ich bin auf einer Insel geboren, fast zehntausend Kilometer von hier. Diese Herkunft ist Teil meiner Geschichte. Sie hat mich zu der Person gemacht, die ich heute bin, und ich bin stolz darauf. Gleichzeitig schlägt in meiner Brust ein zweites Herz, und dieses Herz ist genauso echt wie das erste. Zugehörigkeit musste für mich deshalb nie ein Entweder-oder sein. Zugehörigkeit war für mich nie eine Frage der Wurzeln. Sie war eine Einladung, beides zu sein, und diese Einladung nehme ich seither jeden Tag neu an.

Das heisst nicht, dass es einfach war. Zugehörigkeit fällt einem nicht in den Schoss, nur weil man es sich wünscht. Sie braucht Menschen, die aufeinander zugehen, und zwar von beiden Seiten. Es gab Momente, in denen ich mich erklären musste, wo das von anderen niemand verlangt hätte. Es gab Fragen, die mir niemand gestellt hätte, wäre ich hier geboren. Und es gab genauso oft Menschen, die mir die Hand entgegengestreckt haben, ohne dass ich darum bitten musste. Beides gehört zur Wahrheit über dieses Land, das Anstrengende und das Grosszügige, und ich glaube, erst im Zusammenspiel der beiden entsteht das, was wir Zugehörigkeit nennen.

In Lostorf sieht man das jeden Tag. Bei der Musikgesellschaft und beim Turnverein STV, die seit Generationen das Dorfleben tragen. Bei der Spitex Wartenfels und der Genossenschaft Alterswohnungen GAL, die dafür sorgen, dass niemand im Alter allein bleibt. Beim Elternverein und der Kinderburg, die jungen Familien den Rücken freihalten. Und beim Buechehof, der sozialtherapeutischen Einrichtung mitten im Dorf, wo Menschen einen Platz finden, die anderswo durch die Maschen fallen würden. Das ist Lostorf!

Das ist Demokratie im Kleinen. Nicht die Rede von heute Abend, sondern die Person, die am Samstagmorgen den Vereinsraum aufschliesst, obwohl sie lieber ausschlafen würde. Diese Menschen tragen die Schweiz.

Ich will heute nicht nur über Werte und Geschichte sprechen. Ich will auch über das reden, was uns beschäftigt, wenn wir abends am Küchentisch sitzen.

Fast die Hälfte der Schweizer Bevölkerung nennt die Gesundheitskosten und die Krankenkassenprämien als grösste Sorge. Ich habe als Pflegefachfrau gearbeitet, bevor ich in die Politik gewechselt bin, und ich weiss, was es bedeutet, wenn Menschen eine Behandlung hinauszögern, weil sie die Franchise fürchten.

Rund ein Drittel sorgt sich um Klima und Umwelt. Diesen Sommer spüren wir, wie real das inzwischen ist. Wenn Hitzewellen ganze Wochen prägen und Rekordtemperaturen zur Gewohnheit werden, kann heute niemand mehr ernsthaft bestreiten, dass sich unser Klima verändert. Uneinig sind wir uns höchstens noch darüber, was das für Konsequenzen haben soll, nicht mehr darüber, ob es passiert.

Fast ebenso viele sorgen sich um die Altersvorsorge, um die AHV, um die Frage, ob das System noch für sie da sein wird, wenn sie es brauchen. Migration und Sicherheit sind in den letzten Jahren spürbar gestiegen als Sorge, und ich will das ernst nehmen, ohne es unwidersprochen stehen zu lassen. Migration hat diesem Land nicht nur Fragen gebracht, sie hat auch viele Antworten geliefert. Sie hat unsere Spitäler, unsere Alterszentren, unsere Baustellen und unsere Restaurants am Laufen gehalten. Ein grosser Teil der Menschen, die während der Pandemie in den Spitälern gearbeitet haben, kam nicht aus dem Nachbardorf, sondern aus der ganzen Welt. Migration ist Teil der Antwort auf den Fachkräftemangel, auf die alternde Gesellschaft, auf die Frage, wer in zwanzig Jahren unsere AHV finanziert.

Und seit die Weltlage unruhiger geworden ist, mit einem russischen Präsidenten, der in Europa einen Angriffskrieg führt, weil er glaubt, Grenzen liessen sich mit Panzern neu ausrichten, und einem amerikanischen Präsidenten, dessen launischer nächster Zollentscheid mehr über die Weltwirtschaft bestimmt als so manches Parlament, wächst auch die Sorge um unseren Platz in dieser Welt.

Dazu kommt die Unsicherheit rund um künstliche Intelligenz. Menschen fragen sich, ob ihr Beruf in zehn Jahren noch existiert, ob ihre Kinder für eine Arbeitswelt lernen, die es dann gar nicht mehr gibt.

Eine Prämienrechnung, die im Januar mehr auffrisst als die letzte Lohnerhöhung. Eine Miete, die schneller steigt als das Einkommen. Die Unsicherheit, ob die eigenen Eltern im Alter gut versorgt sind, während man selbst noch für die eigenen Kinder sorgt. Das beschäftigt die Menschen in diesem Land.

Ich nenne diese Sorgen bewusst und ausführlich, weil ich überzeugt bin: Wer sie verschweigt, verschweigt die Realität von Millionen Menschen in diesem Land.

Und trotzdem. Hier beginnt für mich der eigentliche Grund, weshalb unser Land so stark ist, wie es heute ist.

Ein Land mit dieser Bandbreite an Sorgen, Sprachen, Konfessionen und politischen Lagern müsste eigentlich viel öfter auseinanderbrechen, als es das tut. Das Sotomo-Barometer zum Zusammenhalt in der Schweiz hat dieses Jahr etwas Bemerkenswertes gezeigt: Zuwanderung, das Verhältnis zu Europa und der Klimaschutz polarisieren uns stark, teilweise stärker als je zuvor gemessen. Und trotzdem pflegen die meisten Menschen in diesem Land enge Freundschaften über die eigenen politischen Lager hinweg.
Man streitet am Sonntag über eine Vorlage und sitzt am Montag trotzdem am gleichen Stammtisch.

Das haben wir uns über Generationen aufgebaut!

Unsere direkte Demokratie zwingt uns, einander zuzuhören, weil jede Abstimmung eine Mehrheit braucht, die quer durch alle Lager geht. Unser Föderalismus erlaubt es Trimbach und Lostorf, Dinge anders zu regeln als Genf oder Lugano, ohne dass deswegen das ganze Land zerbricht. Unsere Sozialpartnerschaft löst Konflikte am Verhandlungstisch, bevor sie auf die Strasse getragen werden müssen. Wenn Gewerkschaften und Arbeitgeber sich in diesem Land an einen Tisch setzen, streiken sie selten. Sie verhandeln, manchmal jahrelang, und am Ende steht ein Gesamtarbeitsvertrag, den beide Seiten unterschreiben können, ohne ihr Gesicht zu verlieren.

Und unser duales Bildungssystem gibt jungen Menschen, egal woher sie kommen, eine Perspektive, die nicht zuerst nach Herkunft fragt, sondern nach Leistung und Einsatz. Ich bin selbst Berufsfachschullehrerin und ich erlebe täglich, wie viel Können und Stolz in einer Lehre stecken. Weit mehr, als der politische Diskurs ihr oft zutraut. Eine Lehre in diesem Land ist kein Trostpreis für jene, die es nicht an die Universität schaffen. Sie ist ein eigenständiger, respektierter Weg, der Menschen aus allen Schichten offensteht.

Ich sitze in der Aussenpolitischen Kommission des Nationalrats, und ich erfahre oft, wie die Schweiz im Ausland wahrgenommen wird. Unsere Neutralität wird international sehr geschätzt. Sie bedeutet die Fähigkeit, mit allen Seiten zu sprechen, auch mit jenen, mit denen andere Länder aus guten Gründen nicht mehr sprechen. Unsere Tradition der guten Dienste, der stillen Vermittlung statt der lauten Parteinahme, gehört zu den wertvollsten Werkzeugen, die wir besitzen, gerade in einer Zeit, in der sich viele Länder abschotten als vermitteln.

Die Schweiz sitzt am Tisch, wenn es um Waffenstillstände geht, um Völkerrecht, um Menschenrechte, um die Frage, ob internationale Regeln in einer Welt noch etwas gelten, in der ein Putin glaubt, Grenzen liessen sich mit Gewalt neu ziehen, und ein Trump multilaterale Institutionen offen infrage stellt, sobald sie ihm nicht mehr passen.

Die Europäische Union ist unser wichtigster Handelspartner und unser direktes Umfeld. Ein neues Vertragspaket - der Bilateralen III - liegt derzeit im Parlament, und die Debatte darüber wird zu Recht hart geführt. Eine Schweiz, die sich abschottet, wird ihre Probleme nicht los. Sie verliert jedoch den Einfluss darauf, wie diese Probleme gelöst werden.

Ein Land, das seine Sorgen kennt und trotzdem Institutionen hat, die Vertrauen schaffen statt Vertrauen zu zerstören, ist besser aufgestellt als fast jedes andere Land, das ich aus meiner internationalen Arbeit kenne.

Wir sind das Land, das sich hinsetzt und verhandelt, bis eine Lösung steht, die niemand perfekt findet und die trotzdem fast alle tragen können.

Wir sind das Land, das gelernt hat, sich uneinig zu sein, ohne sich deswegen die Legitimität abzusprechen.

Das ist unsere eigentliche Stärke: hart in der Sache zu streiten und trotzdem beieinander zu bleiben.

Zugehörigkeit zu diesem Land zeigt sich für mich nicht im Pass, sondern im Beitrag, den jemand leistet. Wer hier seit Jahren arbeitet, Steuern zahlt, im Verein mithilft, an der Gemeindeversammlung Fragen stellt, aber am Ende nicht mitentscheiden darf, lebt in einem eigenartigen Widerspruch: volle Pflicht, ohne Mitsprache. Das ist eine Frage, die sich eine reife Demokratie ehrlich stellen darf, ohne gleich in Extreme zu verfallen. Aus Respekt vor der Arbeit, die diese Menschen jeden Tag für unser gemeinsames Zuhause leisten.

Freiheit, die sich nur wenige leisten können, ist ein Privileg mit gutem Namen. Echte Freiheit heisst, dass die Prämienrechnung im Januar eine Rechnung bleibt und keine Bedrohung wird. Sie heisst, dass man sich eine Wohnung in der eigenen Gemeinde noch leisten kann.

Ich komme zurück nach Den Haag, zu meiner republikanischen Kollegin und ihrer Frage, worauf wir eigentlich stolz sein können, wenn wir niemanden ‘’besiegt’’ haben.

Ich habe ihr geantwortet: Wir sind stolz darauf, dass wir uns nicht auf einen einzigen Sieg berufen müssen. Wir erneuern unser Versprechen jedes Jahr neu, in jeder Abstimmung, in jeder Gemeindeversammlung, in jedem Gespräch über den Gartenzaun, das schwieriger ist, als man dachte, und trotzdem geführt wird.

Ich glaube, dass in diesem Land eine Zuversicht schlummert, die wir viel zu selten zeigen. Wir sind ein Volk, das lieber leise arbeitet als laut jubelt… ausser vielleicht an der WM.


Das heisst nicht, dass die steigenden Prämien, die schwindende Kaufkraft oder die Armut, die es auch in einem reichen Land wie diesem gibt, kleine Themen wären. Aber diese Zurückhaltung trägt auch eine Kraft in sich, getragen von einer Volkswirtschaft, die zu den leistungsfähigsten der Welt gehört, eine Kraft, die schon ganz andere Krisen bewältigt hat und die uns auch diese Aufgaben nicht unlösbar macht.

Ein Land wird nicht von seiner Vergangenheit stark gehalten.

Es wird stark gehalten von Menschen, die bereit sind, jeden Tag neu dafür einzustehen.

Ich wünsche uns allen einen schönen 1. August.